Frankreichs neues Gesetz beendet ab dem 11. August 2026 Werbeanrufe ohne vorherige Zustimmung der Verbraucher. Damit verliert die marokkanische Callcenterbranche einen tragenden Pfeiler ihres lange profitablen Geschäftsmodells mit Frankreich.
Mehr als 80 Prozent der Offshore-Umsätze entfallen auf Geschäfte mit Frankreich, doch belastbare Regierungsdaten zur Branchengröße fehlen. Hinter dieser Abhängigkeit vom französischen Absatzmarkt stehen 40.000 bis 50.000 gefährdete Arbeitsplätze, während gerade kleine Anbieter kaum Rücklagen für einen abrupten Einbruch auf Dauer besitzen. Die Beschäftigten verlieren ihre Jobs.
Frankreich untersagt unerwünschte Werbeanrufe
Seit dem 11. August 2026 gilt in Frankreich ein grundlegender Kurswechsel. Unternehmen dürfen Verbraucher nur noch anrufen, wenn zuvor eine ausdrückliche Kundeneinwilligung vorliegt. Die am 30. Juni 2025 verabschiedete Regel kehrt damit das bisherige Prinzip um: Ohne dokumentierte Zustimmung ist telefonische Kundenwerbung grundsätzlich unzulässig.
Paris reagiert auf die anhaltende Verärgerung über aufdringliche und wiederkehrende Verkaufsgespräche. Das Verbot unerwünschter Telefonwerbung soll Bürger besser vor unaufgeforderter Ansprache schützen und Unternehmen zur Rechenschaft ziehen. Die verschärften französischen Verbraucherschutzregeln erfassen auch ausländische Dienstleister, deren Erlöse bislang stark von solchen Anrufen abhingen.
Eine Branche hängt am französischen Markt
Für Marokkos Callcenter ist die französische Entscheidung weit mehr als ein begrenzter Auftragsrückgang. Arbeitsminister Younes Sekkouri zufolge stammen über 80 Prozent der Branchenerlöse aus Frankreich. Der marokkanische Offshore-Kundenservice bearbeitet von Casablanca und weiteren Standorten aus Verkaufsaufträge französischer Unternehmen.
Die ausgeprägte Abhängigkeit von Frankreich setzt damit Zehntausende Stellen einer politischen Entscheidung im Ausland aus. Besonders betroffen sind Anbieter, die Telekommunikations-, Energie- oder Versicherungsverträge telefonisch vermitteln. Neue Auftraggeber lassen sich nicht kurzfristig gewinnen, da Personal, Sprache und technische Abläufe über Jahre gezielt auf den französischen Markt zugeschnitten wurden.
Das wahre Ausmaß bleibt im statistischen Dunkeln
Arbeitsminister Younes Sekkouri schätzt, dass 40.000 bis 50.000 Arbeitsplätze gefährdet sind. Gewerkschaften fürchten eine noch höhere Zahl, denn unsichere Beschäftigungszahlen verhindern eine belastbare Bilanz. Laut Ayoub Saoud veröffentlichen weder der Hohe Planungskommissar Marokkos noch das Beschäftigungsobservatorium des Arbeitsministeriums genaue Angaben.
Mehr als 600 Callcenter verfügen offiziell über eine Betriebsgenehmigung. Hinzu kommen laut der Fédération nationale des centres d’appels et des métiers de l’offshoring zahlreiche nicht genehmigte Callcenter, deren Belegschaften kaum erfasst werden. Durch fehlende Regierungsstatistiken bleiben Beschäftigung, Umsatz und Reichweite möglicher Entlassungen weitgehend im Dunkeln.
Kleine Anbieter trifft das Verbot besonders hart
Große Dienstleistungskonzerne haben ihre Geschäfte teilweise seit 2019 breiter aufgestellt. Solche diversifizierten Großkonzerne bieten technischen Support, Betreuung nach dem Kauf und eingehenden Kundenservice, bei dem Verbraucher selbst anrufen. Ein früherer Majorel-Manager rechnet deshalb damit, dass diese Unternehmen den französischen Kurswechsel vergleichsweise gut überstehen.
Weitaus schwächer stehen kleine Telefonvertriebsfirmen da, die fast ausschließlich französische Haushalte kontaktieren. Meist fehlen Rücklagen, alternative Kunden und andere Geschäftsfelder. Ayoub Saoud warnt vor drohenden Betriebsschließungen. Der frühere Telefonberater Anas Benbrahim erwartet zunächst einen heftigen Einbruch, später könnten manche Anbieter auf weniger regulierte Märkte ausweichen.
Beschäftigte tragen das größte soziale Risiko
Hinter jeder Schließung stehen Menschen, die Einkommen und erworbene Ansprüche verlieren können. Verbreitete prekäre Arbeitsverhältnisse erhöhen die Gefahr kurzfristiger Entlassungen. Im Mai 2025 stellte die Telemarketingfirma Paul & José ihren Betrieb abrupt ein. Nach Gewerkschaftsangaben blieben 60 Beschäftigte ohne Lohn und Entschädigung zurück.
Das marokkanische Arbeitsrecht schreibt bei Kündigungen zwar Zahlungen vor, doch gegenüber ausländischen Firmen lassen sich Ansprüche schwer durchsetzen. Bei Insolvenz oder überstürzter Abreise der Betreiber drohen ausbleibende Abfindungen. Besonders schutzlos sind irregulär beschäftigte Migranten aus Ländern südlich der Sahara, die kaum arbeitsrechtliche Absicherung besitzen.
Die Beschäftigten sind die schwächsten Glieder der Kette.
Ayoub Saoud, Generalsekretär der Fédération nationale des centres d’appels et des métiers de l’offshoring
Unternehmen und Staat stehen gemeinsam in der Kritik
Ökonom Azeddine Bennani wirft Arbeitgebern vor, Investitionshilfen sowie Steuer- und Sozialvergünstigungen genutzt zu haben, ohne tragfähige Strukturen aufzubauen. Zur mangelnden Marktdiversifizierung komme eine fehlende berufliche Qualifizierung. Beschäftigte und Betriebsmodelle seien deshalb nur unzureichend auf strengere Regeln und anspruchsvollere Dienstleistungen vorbereitet worden.
Auch die Regierung gerät unter Druck. Eine lückenhafte staatliche Branchenaufsicht ließ undurchsichtige Beschäftigungsmodelle und die einseitige Bindung an Frankreich lange bestehen. Dabei trägt die Callcenter- und Offshoringbranche jährlich zwischen 10 und 12 Milliarden Dirham zum marokkanischen Bruttoinlandsprodukt bei, umgerechnet rund 934 Millionen bis 1,1 Milliarden Euro.
Die angekündigten Hilfen überzeugen die Arbeitnehmer kaum
Younes Sekkouri kündigte im März ein Programm zum Erhalt von Arbeitsplätzen und Wettbewerbsfähigkeit an. Vorgesehen sind neue Absatzmärkte in Europa, Afrika und Lateinamerika sowie staatliche Unterstützungsmaßnahmen für betroffene Firmen. Der Ausbau digitaler Dienstleistungen und der Einsatz künstlicher Intelligenz sollen den Übergang zu technisch anspruchsvolleren Aufgaben fördern.
Für Ayoub Saoud bleiben diese Zusagen zu vage, weil verbindliche Garantien für Arbeitnehmer fehlen. Die Gewerkschaft verlangt strengere Schutzregeln für ausländische Investoren, damit geförderte Betriebe nicht plötzlich schließen und unbezahlte Belegschaften zurücklassen. Zugleich fordert sie eine geringere Auslandsabhängigkeit, damit politische Entscheidungen anderer Staaten nicht erneut Zehntausende marokkanische Stellen gefährden.

